Die Tudoburg

Von der Straße , die von Honstetten nach Eckartsbrunn führt , zweigt beim Honstetter Friedhof ein Weg ab , der in mäßigem Gefälle über die dortige Hochebene führt . Folgt man dem Waldrand , steht man nach wenigen Schritten vor einem hohen Wall , durch den en schaler Einschnitt den Zugang in die große Vorburg der Tudoburg gewährt .
Eingehend hat der Archäologe Eduard Paulus , der Ende des 19.Jh. die vor- und frühgeschichtlichen Denkmäler von Honstetten besichtigte , das Gesamtbild der Tudoburg geschildert : „Ganz versteckt in laubwaldgrünen Schluchten , liegen die Trümmer der Tudoburg , anziehend schon durch den altdeutschen Klang ihres Namens , und wirklich , ein eigentümliches Gefühl überkommt uns in diesen fernabgelegenen Trümmern , die hier ausharren , aber wie weggewischt aus dem Gedächtnis der Menschen sind und doch war es eine Ansiedlung , hervorragend durch ihre Größe , wie durch die ganz vortreffliche Ausführung der noch erhaltenen Reste .
Ein schmaler Hals , durch mächtigen Graben abgeschnitten , führt in die Vorburg , einen lang hingestreckten Raum , von halbverstürzter , efeubewachsener Ringmauer im Rechteck umfangen , fast groß genug für ein Städtchen , - von dort geht es über eine Schlucht zur eigentlichen Burg , die als ein mächtiges Rechteck rings auf die Kante des beinahe freistehenden Berges gestellt ist . Kein Turm noch Zwinger , nur vier Kastellmauern , aber höchst säuberlich aus den rechteckig zugeschlagenen Steinen des Plattenjurakalks aufgemauert . Die hoch hinauf ganz fensterlose Burg hat jene ganz feine Fugung der frühromanischen Bauten und mag mit Recht in das 11.Jh. zu setzen sein . Kein Weg führt an die Mauern heran , auf allen vier Seiten stürzt der Berg felsensteil ab – und welch ein schöner Blick in die unten zusammenkommenden Waldtäler .“
Die Gesamtlänge der Burg vom Eingang bis zur südlichen Mauer beträgt 240 m und ist in drei Teile abgeteilt . Die Vorburg ist heute eine von Wald umgebene Wiese von 160 m Länge und 36 m Breite . Die Ökonomiegebäude , Stallungen , Schmieden und Werkstätten aller Art zur Versorgung der Tudoburg waren auf diesem Areal untergebracht . Das Gelände der Vorburg war noch bis zum 19.Jh. ein Acker- und Kleefeld und wurde im 19.Jh. mit einer Allee Obstbäumen beplanzt . Links vom Eingang der Vorburg stand ein Turm . Die 1,5 m dicke Umfassungsmauer der Anlage ist 630 m lang . In der Mitte der Vorburg lag im Osten auf einer Terrasse der Eingang in die mittlere Burg . Der mittlere Teil der Burg mißt 76 x 24 m . Zwischen der mittleren Burg und dem Palas zieht ein tiefer Graben . Die Mauern des Palas sind 2 m dick .
Die Vorburg der Tudoburg wurde oft als frühgeschichtlicher Schutzwall gedeutet . Vermutlich war die Tudoburg einst Sitz der Herren von Honstetten , ging aber bereits 1362 an die Herren von Hewen . Im Jahre 1362 wird in einer Urkunde der Brüder Burkhard und Heinrich von Hewen erstmals die Burg Harperg als im Besitz des Geschlechts erwähnt . Die auf dem Hartberg gelegene Ruine Tudoburg wird mit der Burg Harperg als identisch angesehen . Die Brüder Burkhard und Heinrich von Hewen verpflichteten sich in dieser Urkunde , mit 10 Mann sowie mit ihrer Feste Althewen und ihrer Feste Harperg auf ein Jahr den Habsburgern zu dienen .Die drei Burgen Hohenhewen , Neuhewen und Hewenegg hatten die Aufgabe , den Schutz der Herrschaft Hewen nach Süden ,Westen und Norden zu übernehmen , die Tudoburg deckte den Osten ab . Die Tudoburg ging 1398 mit Hewen an Österreich . 1404 kam die Tudoburg mit der Herrschaft an die Grafen von Lupfen-Stühlingen , nach deren Austerben an die Grafen von Pappenheim und schließlich durch Heirat an die Fürstenberger , 1839 an Langenstein . Seit 1872 gehört die Burg zum Besitz der Grafen von Douglas .
Für die Auflassung mittelalterlicher Burgen können verschiedene Gründe in Betracht gezogen werden : Verlegung des Standortes , wirtschaftlicher Niedergang , Kulturwandel , kriegerische Zerstörung , natürliche Zerstörung . Über die Zerstörung der Tudoburg ist nichts überliefert , jedoch war die Burganlage bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Ruine . Dafür gibt der Güterbetrieb der Herrschaft Hewen von 1563 und 1588 einen Anhaltspunkt : „Hardberg (ehemaliger Name für die Tudoburg) , das Schloß und Statt mit aller seiner zugehört , wie das noch zugegen statt und mit einer Mauer umfangen und was innen dieser Zeit (Blutacker) auf fünf Vierling ..... Wiesen und Garten geschätzt wird .“ Demnach war die Vorburg der sogenannte Blutacker , bereits 1588 in landwirtschaftlicher Nutzung . Die Vorburg war als Erblehen an den Honstetter Bürger Bach von der Herrschaft Hewen vergeben worden und diese Familie scheint noch zu Ende des 18.Jh. im Besitz des Lehens gewesen zu sein , wie ein Brief des Honstetter Pfarrer Thoma berichtet . In allen schriftlichen Quellen der folgenden Jahrhunderte wird die Tudoburg nur noch als Orientierungpunkt für Gewann- und Gemarkungsmessungen benannt . Pfarrer Thoma , der vom Jahre 1786 – 1794 Pfarrherr in Honstetten war , schreibt in einem Brief über die Tudoburg , daß die Familie Bach die Ruine als zehentfreies , von der Herrschaft herrührendes Erblehen besitzt . Der Brief gibt noch manchen interessanten Aufschluß , unter anderem , daß die Burg gegen Mitternacht einen Eingang hat , der im ganzen Umfang der einzige ist und mit einem festen Turm verwahrt war .
Jedes Jahrhundert erzählt eine eigene Legende um diese Burg . Früher erzählte man sich von glänzenden Ritterspielen , die auf der Vorburg , im Volksmund Turnierplatz genannt , ausgetragen wurden . Die schönsten Unterbrechungen des alltäglichen Lebens auf einer Burg waren die hohen Feste , z.B. das fest der Schwertleite , die Vermählung , ein Sieg , ein Reichsfest oder wie die Sage der Honstetter Leute heute noch zu berichten weiß , das Waffenspiel oder Turnier . Im 12.Jh. waren die Turniere die Vorübung zur Feldschlacht . Es galt mit stumpfen Lanzen und mit Schwertern ohne Spitze und Schneide gegen einen Gegner zu kämpfen . In strahlender Rüstung und mit wehendem Helmbusch ritten die Ritter paarweise in die Schranken und sprengten mit angelegter Lanze im Galopp aufeinander los . Das Ziel war den Gegner aus dem Sattel zu heben oder die Lanze am gegnerischen Brustharnisch zu zersplittern . Der Sieger erhielt aus der Hand einer Edelfrau ein Kleinod , wie etwa eine goldene Kette oder ein Schwert .
Der große Acker vor der Vorburg wird nach alten Urkunden und im Volksmund „Blutacker“ , das nördlich gelegen Gewann „Herrenbreite“ und die sich verengende südliche Talschlucht „Hölloch“ genannt . Es wird von einer furchtbaren Schlacht auf der Vorburg berichtet , dort sei gekämpft worden und viel Blut geflossen . Im Volksmund sollen Tuto und sein Geschlecht Raubritter gewesen sein . Nach einer anderen Sage soll in der Tudoburg das Städtlewibli leben , das zu den unfolgsamen Kindern kommt , aber auch nächtlichen Wanderern begegnet , die an der Tudoburg vorbeikommen .
Im Generallandesarchiv in Karlsruhe liegt ein Aktenbündel unter der Rubrik „Judensachen“ : In der Landgrafschaft Nellenburg finden sich schon Juden aus früher unbekannter Zeit , die eine eigene Stadt , die Judenstadt , jetzt in Ruinen liegend , an der nun ebenfalls zerfallenen Feste Harburg – zwischen Eigeltingen und Honstetten – bewohnten .“ Die Tudoburg wird im Volksmund auch „Stadtle“ oder „Judenstädtle“ genannt und soll bereits im 13.Jh. als „Judenburg“ bezeichnet worden sein . Die Hewener Urabrien von 1563 und 1588 nennen ebenfalls „Harperg , Schloß und Stadt .“ Nach einer alten Sage wurde die Stadt im Jahre 1348 zerstört und die jüdischen Einwohner ermordet . In diesem Zusammenhang ist interessant , daß die mündliche Überlieferung berichtet , daß 1369 Honstetter nach Meßkirch gezogen sind .
An der Straße von Honstetten nach Eckartsbrunn befand sich noch bis vor wenigen Jahrzehnten das „Judenbrünnele“ , auch „Tudobrunnen“ genannt , und nach dem Volksmund haben dort die Juden aus dem „Städtle“ ihr Wasser geholt . Pfarrer Thoma berichtete Ende des 18.Jh. : „Am Wege nach Aach im Eckartbrunner Bann ist ebenfalls ein Brunnern , welcher der Judenbrunnen genannt wird , dessen Wasser wurde , wie man heute noch sieht , in das Judenstädtle hinübergedeichelt .“
Die Schreibweise des Namens Tuto war ursprünglich im 11.Jh. Dudo , Duto , Tudo , Toto und Tuoto . Der Name Dudenstädtle , Dudenbrunnen ist in der Folge aus Unwissenhaft vermutlich in den Namen Judenstädtle , Judenbrunnen übergegangen . Mit der Bezeichnung „Städtle“ im Gegensatz zum Dorf beabsichtigte die Bevölkerung von Honstetten , den Unterschied zwischen sich und der Burgherrschaft auszudrücken .
Offenbar sind durch die Tradtion des geschichtsträchtigen Ortes Honstetten einige Informationen über die Bewohner der Tudoburg , ihr Leben und ihr Schicksal in Form von Sagen der Nachwelt erhalten geblieben .
Der Weg durch das Krebsbachtal , an der Tudoburg vorbei , von Eigeltingen nach Honstetten ist eine alte Straße , die von der Tudoburg zur Honstetter Krebsbachmühle und dann auf dem alten Weg in der Niederung unterhalb der Kirche ins Dorf verläuft .An dieser alten Straße direkt unterhalb der Tudoburg fand man im 19.Jh. bei Erdarbeiten Reste eines Hauses oder Turmes . Oberhalb der Mühle , einen Kilometer von der Tudoburg entfernt , erheben sich links und rechts dieser alten Straße zwei Hügel („Kau“ und „Berg“) , auf denen früher noch die Reste alter Bauwerke zu erkennen waren .
Der Schloßbühl südlich von Reute , eine strategisch günstige Spronanlage , könnte eine weitere Burgstelle der Herren von Honstetten sein , die sich auch als Herren von Reute bezeichneten . Im späten 11. und frühen 12.Jh. führte der Adel seinen Herkunftsort als Namenszusatz .
Verfallene Burganlagen waren für die Bevölkerung der umliegenden Gegend ein willkommener Steinbruch . Es ist anzunehmen , daß aus den Trümmersteinen der Tudoburg und des Alten Turmes einige Häuser in Honstetten errichtet wurden . Noch heute sind die sorgfältig behauenen Steinquader ein Zeichen der hohen handwerklichen Kenntnis unserer Vorfahren .
Wenn nicht die Ruinen der Tudoburg wären , so wüßten wir über diese Burg nichts .
„Der Berg ist wüst , das Schloß zerfiel ,
Das Schwert ist längst zerhauen .“